Kiviõli – Ölschieferstadt
Das Fotoprojekt „Kiviõli“ widmet sich der gleichnamigen Stadt an der Grenze zum Landkreis Ida-Viru und der Entwicklung ihrer Ölschieferindustrie; es umfasst zudem Selbstporträts sowie Porträts der Grossmutter und der Mutter des Autors und ihres Hauses direkt neben dem Industriegebiet.
Der Landkreis Ida-Viru ist ein Teil Estlands, der bei Touristen normalerweise nicht ganz oben auf der Liste der Sehenswürdigkeiten steht. Es ist nicht einmal das „wahre“ Estland – zumindest nicht das Estland, von dem wir gerne allen erzählen. Es scheint, als sei das Leben hier in der Sowjetzeit zum Stillstand gekommen, und neben verfallenen Gebäuden und leeren Parks zeugen Aschehügel, mit Wasser gefüllte Steinbrüche und kaum sichtbare unterirdische Minen davon. Der gesamte Landkreis ist von der Ölschieferindustrie als grösstem Arbeitgeber abhängig, und der estnische Staat ist auf Ölschieferenergie angewiesen, die bislang ca. 70–85 % des Energiebedarfs des Landes gedeckt hat. Die Energiegewinnung aus Ölschiefer ist jedoch die grösste Ursache für Umweltschäden in Estland, da sie den Grossteil der gefährlichen Abfälle und Treibhausgase verursacht und gleichzeitig der grösste Wasserverbraucher ist.
Das Ölschieferwerk in Kiviõli war eines der ersten in Estland. In den 1920er Jahren traten Fabriken, Bergwerke, eine Stadt mit Wohnblocks und Bergbaudörfer an die Stelle von Wäldern und Wiesen. Menschen aus anderen estnischen Städten und Gemeinden kamen hierher, um zu arbeiten, später auch aus anderen Ländern der Sowjetunion. In der Blütezeit der Industrie in den 1970er Jahren zählte Kiviõli etwa 11.000 Einwohner. Seit Estlands Unabhängigkeit hat sich die Einwohnerzahl der Stadt halbiert, und die Bevölkerung altert. Die Hälfte der Einwohner spricht Estnisch, die andere Hälfte ist russischsprachig. Die Ölschieferindustrie ist nach wie vor der grösste Arbeitgeber in Kiviõli, doch die Arbeitslosenquote in der Stadt gehört zu den höchsten in Estland.